Handesblatt interview: On Germany and Europe’s crisis, 12 June 2018

München941.000 Follower bei Twitter ist in der Währung der digitalen Neuzeit ein Spitzenwert. Für einen Ökonomen ist es ein Rekord. Und so steht Yanis Varoufakis, 57, an diesem Montagabend im nachtblauen Anzug mit nachtblauem Hemd auf der Bühne der altehrwürdigen Münchener Ludwig-Maximilian-Universität und verbreitet Rockstar-Image.

Der Rebell des Euro-Systems, für fünf wilde Monate des Jahres 2015 griechischer Finanzminister, redet auf Einladung des Ifo-Instituts zu dem leicht krawalligen Thema, warum Deutschland die Rettung der Euro-Zone nicht zahlen kann und sollte. Es ist ein Problem, das den linken Professor aus Athen mit seinen konservativen Gastgebern vereint – halten doch beide Seiten nichts von der Art, wie Europa aktuell gemangt wird.

Varoufakis übt an diesem Abend erkennbar ein wenig für die griechische Parlamentswahl 2019, bei der er mit MeRA25, einer neuen Partei des „verantwortungsbewussten Ungehorsams“, antreten will. Sie fußt auf der Bewegung DiEM25, die so etwas wie marxistischen Macronismus à la „En Marche“ symbolisiert und am liebsten über Staatsgrenzen hinweg wirken möchte

Mit vier Ideen also will der Grieche die europäische Idee popularisieren. Und jede einzelne davon dürfte den „Little Big Men“ der europäischen Institutionen die Zornesröte ins Gesicht treiben, von Mario Draghi bis Jean-Claude Juncker.

So fordert der Mann mit dem Denkerschädel nichts weniger, als dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihre immensen Gewinne an die Ärmsten des Kontinents auskehrt. Ein Scheck für den Arbeitslosen in Sizilien, ein Scheck für den Hungernden in Saloniki. Zudem sollte die Europäische Investitionsbank über die Ausgabe von Anleihen jährlich eine halbe Milliarde für grüne Energie investieren, aber auch für Technologien oder künstliche Intelligenz.

Wiederholt spricht Varoufakis vom Wohlstand, den es in Europa zu teilen gelte, und von nötiger finanzieller Kreativität. Was er verurteilt, ist ein System der Langeweiler, die auf Regeln pochen wie der Videoschiedsrichter im Fußball auf sein Fernsehbild. Wäre er italienischer Finanzminister gewesen, plaudert der Ökonom aus Athen, dann hätte er einen Aufstand in Brüssel gewagt und eine Änderung des Regelsystems gefordert. Austerität ist für ihn fantasielos, Brüssel ein Albtraum.

Natürlich garniert der Ökonomie-Punk seinen Vortrag mit einigen volkswirtschaftlichen Schaubildern und Analysen, warum es unweigerlich zur Euro-Krise kommen musste und sich Zentrifugalkräfte ausbreiten. Eine Währungsunion könne ohne eine politische Union nun mal nicht funktionieren – und dieses Scheitern führe heute zum Verdruss der Leute, die deshalb von einer europäischen Föderation nichts wissen wollten.

Varoufakis: Deutschlands aktueller Zustand ist nicht nachhaltig

Er habe sich all die Jahre eigentlich nicht geändert, hält Varoufakis dem vollen Auditorium entgegen, das an seinen Lippen hängt, schließlich habe er schon 2013 in einem Handelsblatt-Beitrag von Deutschland gefordert, für Europa ein guter Hegemon zu sein, der sein Geld intelligent einsetze. Der derzeitige Zustand Deutschlands aber – mit Überschüssen in der Handelsbilanz, der Leistungsbilanz und im Haushalt – sei alles andere als nachhaltig. Niemand könne überall auf Dauer Überschüsse haben.

Varoufakis hat seine Sicht in mehreren Büchern niedergeschrieben, zuletzt schilderte er in „Adults in the room“ auf 500 Seiten ziemlich genau seine fünf Monate als Finanzminister im europäischen Rettungskonvoi. Der Vertreter der Syriza-Regierung hatte heimlich die Konferenzen mit den Gläubigern mitgeschnitten. Das sei eine „toxische Zeit“ für Griechenland und für Europa gewesen, formuliert er.

In München mandelt sich der Erfolgsautor leidenschaftlich gegen die Politik aus, einem De-facto-Pleitestaat neue Kredite aufzudrängen und mit neuen Schuldpapieren unter Einbeziehung der EZB ein perfektes „Ponzi scheme“ zu schaffen, wie er sardonisch lächelnd anfügt – ein betrügerisches Pyramidensystem.

Den Gang in die Politik hat der gewinnende Selbstdarsteller nicht bereut, auch wenn er sich gerne an seine akademischen Jahre an mehreren Universitäten erinnert, als er über Kaffee- und Teepreise oder die Spieltheorie forschte – also „keine Ängste, keine Feinde“ hatte. Alles vor 2011, vor seiner Politisierung. Seitdem sei klar, wer ihn hasse und wer ihn liebe, und das, bevor er überhaupt den ersten Satz gesagt hat.

Varoufakis sagt, dass man Migranten in einer alternden Gesellschaft willkommen heißen sollte. Und noch einmal: „Europa muss sein Image verbessern.“

Dann, nach 75 Minuten Ökonomen-Show, winkt der Star des Abends ins Publikum. Es ist tatsächlich ein bisschen wie nach einem Rockkonzert, so wie bei dem Musiker Brian Eno, einem aus seiner Helfergarde, der sogar im Dienste Varoufakis’ eine neue Hymne für Europa komponiert hat.