Der Grieche erklärt Europa – Der Spiegel

In der Nachspielzeit, die “Tagesthemen” warten schon, darf Christian Lindner noch einmal seinen Tweet zu den “Profis” erläutern, denen die Sache mit dem Klimawandel überlassen werden müsste. Wer schlechte Zähne habe, der gehe ja auch zum Zahnarzt. [VIDEO LINK]

Schon freut sich Lindner über seinen späten Punkt, da umdribbelt plötzlich Yanis Varoufakis eine bereits auf glühenden Kohlen sitzende Anne Will und taucht noch einmal im Strafraum auf. Solange eine herrschende Oligarchie daran arbeite, einen braunen statt einen grünen Planeten zu hinterlassen, fahre auch die Wissenschaft gegen die Wand: “Die Orbáns dieser Welt sind ein Symptom für das Scheitern der Union, rational diese Probleme anzugehen.”

Tor und Abpfiff. Was für ein Finale! Zumal der ehemalige griechische Finanzminister und – deutsche – Kandidat der progressiven Kleinstpartei “Demokratie in Europa”, damit in letzter Sekunde den Bogen zurück zum Thema der Sendung schlug:

“Mehr EU oder mehr Nationalstaat?”Diese Dichotomie mochte der Grieche nicht stehen lassen: “Wir brauche ein Europa der besseren Art, der besseren Qualität”. Er ist da “ganz bei”, wie man heute sagt, Christian Lindner, bei dem das so klingt: “Europa da stärker machen, wo nur aus einem gemeinsamen Handeln mehr Stärke erwächst”.

Emmanuel Macron sei mit seinen Impulsen für einen “Neubeginn von Europa” auf dem richtigen Weg, werde aber “zu Tode geliebt”, so Varoufakis. Lindner lindnert, “politisches Handeln und das Zahlen von Politik sollte in einer Hand bleiben”, vermutlich einer starken, eben deutschen Hand.

Nicht mal der Dolmetscher kann Varoufakis folgen

Denn: “Herr Macron ist ein liberaler Franzose”, so Lindner, “aber am Ende ist er eben ein Franzose”, seinem offenbar genetisch und kulturell bedingten Hang zum Zentralismus sei die “soziale Marktwirtschaft” aus teutonischer Qualitätsproduktion entgegenzusetzen.

Die aktuelle FDP-Position, Aktionäre und Inhaber für bankrotte Banken bluten zu lassen, also Schulden nicht zu sozialisieren, kontert Varoufakis mit makroökonomischen Ausführungen zur Währungsunion. So recht er haben mag, es kam ihm kaum jemand folgen – nicht einmal sein Simultandolmetscher.

Manfred Weber von der CSU und Kandidat der konservativen Größtpartei EVP dagegen würde Europa “gerne mal wertschätzen”. Auch er findet, die eigentliche Debatte sei nicht “mehr oder weniger Europa”. Sondern? Sondern die Frage: “Mit was müssen wir uns die nächsten fünf Jahre beschäftigen?”

Der von Weber verbreitete Mehltau verstärkt sich noch, als er auf das Verhältnis seiner Partei zu Viktor Orbán angesprochen wird. Cathrin Kahlweit von der “Süddeutschen Zeitung” meint, der ungarische Ministerpräsident und seine Fidesz-Partei hätte schon längst aus der gemeinsamen EVP-Fraktion ausgeschlossen werden müssen. Orbán sei “von allen europäischen Regierungschefs derjenige, der mit einem kalten Lächeln demokratische Rechte abgebaut hat”.

Weber gibt den Pontifex

Ihre Unterstellung an die Adresse der zaudernden EVP (“Vielleicht brauchen wir den Mann noch mal!”) kann Weber mit dem schwachen Verweis auf anstehende Gespräche nicht wirklich ausräumen. Vielleicht braucht er für seine Wahl zum Kommissionspräsidenten ja wirklich noch die Stimmen der Fidesz-Partei. “Wäre es denn ein besseres Europa?”, wenn Gestalten wie Orbán ausgeschlossen würden. Weber, ganz Pontifex, beantwortet seine rhetorische Frage gleich selbst: “Ich will Brücken bauen.”

Beatrix von Storch hingegen würde Brücken nach Brüssel ganz gerne verbrennen. So schwärmt die stellvertretende Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion von Ländern, die ihren Kram in die eigene Hand nähmen: “95 Prozent weniger Migranten in Italien” seit Abriegelung der Häfen, ein ganz wunderbares Ergebnis. Freilich auf Kosten von Menschen, die reihenweise im Mittelmeer … aber das ist “eine andere Frage”, jedenfalls keine rechtliche. Rechtlich läuft’s!

“Weil so viel Zeug gesagt wurde”, sagt Beatrix von Storch, würde sie gerne mal etwas über ihre Vision von Europa klarstellen (Will: “Zeug? Hier wurde diskutiert!”) und erklären, wie Demokratie funktioniert. Immerhin kandidiert sie für ein Parlament, das sie abschaffen möchte, wünscht sich einen “Dexit” und eine “geordnete Auflösung” der EU.

Storch beschwert sich über Populismus

Nach ihrem “konstruktiven Beitrag” gefragt, erläutert sie die defizitäre Demokratie in Brüssel. Undemokratisch sei es nämlich, “wenn ich aus Deutschland” nur 96 von 750 Abgeordnete wählen darf. Betretenes Schweigen, bis Varoufakis sich höflich erkundigt: “Wie viele wollen Sie denn? Wollen Sie 700 Abgeordnete?”, worauf die Störchin verwirrt fragt: “Für die AfD?”

Nicht viel besser ergeht es ihr mit dem Versuch, dem Judenhass eines Viktor Orbán den Antisemitismus in Frankreich gegenüberzustellen. “Stimmt, aber der ist nicht staatlich gefördert”, fährt Cathrin Kahlweit scharf dazwischen, wo Weber noch pontifikal interveniert: “Wer glaubt denn, dass die Digitalisierung oder der Kampf gegen Kinderpornografie auf nationaler Ebene zu lösen ist?”

Lindner stellt sich unterdessen mit sichtlichem Vergnügen einen AfD-Wirtschaftsminister vor, der in Peking über Freihandel verhandelt: “So naiv können noch nicht einmal Sie sein!” Storch: “Das ist reiner Populismus!”

Irgendwann wirft Varoufakis ein: “Ich möchte hier etwas einwerfen, da ich der einzige Politiker hier bin”. Man ahnt dunkel, was er damit meint.